Gleichzeitig mit Roland Huth kam mit Michael Albrecht am 1. September 1993 ein junger Mann in die Apostelkirche, der ihr Gesicht fünf Jahre lang entscheidend mit prägte. Er war damals 29 Jahre alt, verheiratet und kam aus Erlangen-Sieglitzhof. Nach dem Studium in Würzburg und Bamberg hat er 1½ Jahre in Bolivien in einem Haus für Straßenkinder gearbeitet. Die Apostelkirche war seine erste Stelle als Pastoralassistent, d. h. in der Ausbildung zum Pastoralreferenten. Nach Beendigung der Ausbildung samt erfolgreich abgelegter Prüfung wäre eine Versetzung Michael Albrechts fällig gewesen, aber es war den intensiven Bemühungen der Gemeindeleitung einschließlich der Gremien zu verdanken, dass das Personalreferat des Erzbischöflichen Ordinariats ihn für weitere zwei Jahre als Pastoralreferenten in der Apostelkirche arbeiten ließ.
Zielgruppe seiner Tätigkeit war nicht nur, aber vor allem die Jugend, zu der er einen sehr guten Kontakt hatte. Jugendgottesdienste, die in seiner Regie vorbereitet und durchgeführt wurden, waren für die ganze Gemeinde eine Bereicherung. Zusammen mit Jugendlichen der Gemeinde hat er offene Freizeitangebote für Jugendliche aus dem Stadtteil organisiert und damit vielleicht „missionarischer“ gewirkt, als mit einer seiner bemerkenswerten Predigten. Mit seinen Erfahrungen war er auch der richtige Vertreter der Jugendarbeit in der Hauptamtlichen-Runde im Dekanat sowie im „Arbeitskreis Jugendarbeit Büchenbach“, einer Vertretung entsprechender Institutionen gegenüber der Stadtverwaltung. Er war „Kopf und Hand“ bei der Vorbereitung der Jugendlichen zur Firmung und dürfte den richtigen Ton auch im Religionsunterricht in der Grund- und Teilhauptschule Büchenbach-Nord getroffen haben. Schließlich würde man ihm Unrecht tun, erwähnte man nicht sein Engagement im „Freundeskreis Arequipa“, in dem die Unterstützung eines Projekts in Arequipa/Peru organisiert wurde und über das an anderer Stelle ausführlicher berichtet wird.
Michael Albrecht hat seinen Beitrag zu dieser Chronik einen Essay genannt unter der Überschrift:
Es zählt, was bleibt
Während Betriebe in der Wirtschaft ihren Erfolg an der steigenden Bilanzsumme ablesen können, oder auch an einer verbesserten Marktposition, können Einrichtungen des Sozialbereiches und insbesondere Pfarreien nicht so einfach den Erfolg ihrer Arbeit messen. Dennoch möchte ich einmal versuchen, unter der Maxime „Es zählt, was bleibt“ auf meine Zeit in der Apostelkirche (1993-1998) zurückzublicken. Es war eine Zeit voller Arbeit und Stress mit der ganzen Vielfalt, die eine Pfarrei zu bieten hat. Deshalb muss ich mich fragen, ob es vergebliches Mühen war, etwa ein sich fortlaufend wiederholendes Kirchenjahr, das ohne Bodenhaftung im Leeren läuft... oder, ob da doch auch bleibende Ergebnisse festzustellen sind.
In den Jahren nach der Apostelkirche, als ich an anderer Stelle in Erlangen arbeitete, ist es mir ein paar Mal vergönnt gewesen, dass einzelne Menschen auf mich zu kamen, aufgrund gemeinsamer Erinnerungen. Ein Strahlen in den Augen, ein Lächeln auf den Lippen und wir sagten: „Wissen Sie noch? Wir haben zusammen Kinderbibelwoche gemacht“ oder auch: „das Kirchenasyl in der Martin-Luther-Gemeinde durchgestanden“. Gemeinsame Erfahrungen prägen eine kurze Begegnung mit positiven Gefühlen, mit dem Mut, der uns damals beflügelte. Der Geist Gottes erhebt sich aus den Erinnerungen und lässt sie nicht bloß Vergangenheit bleiben, sondern in die Gegenwart wirken. Ganz überströmt von Glanz und Licht motivieren und bestärken uns die guten Erinnerungen, sie sind ein Teil von uns und bauen uns auf, auch heute noch, nach vielen Jahren.
Das ist etwas, das bleibt. Selbst wenn andere Menschen jetzt die Apostelkirche prägen, selbst wenn Strukturen sich verändern, wenn Kreise aufhören zu arbeiten und neue, ganz andere entstehen, die Erinnerung bleibt, und mit ihr das Gefühlsgemenge um sie herum. Wir haben gemeinsam unser Leben gestaltet, Biografien beeinflusst, Lebensgefühl und Lebenserfahrung geteilt, und davon profitiert.
Wir haben auch Kämpfe gekämpft und Fehler gemacht, natürlich, das gehört dazu. Menschen sind wir und am Menschen arbeiten wir, das kann gar nicht immer gut gehen. Dennoch gibt es keinen anderen Weg als den Weg, den uns Jesus gezeigt hat: Gemeinsam den Aufbruch wagen.
Was haben wir also getan?
Theologisch gesprochen haben wir den Glauben vermittelt: Menschen, die gemeinsam auf dem Weg sind, die ihr Leben teilen, sich Gedanken machen und das Gute suchen und versuchen. Diesem Leben zu trauen und daran weiterzubauen.
Soziologisch nennt man das „kulturelle Kompetenz“, nämlich die Fähigkeit am gesellschaftl-ichen Leben teilzunehmen, nicht nur an der Oberfläche, sich zu betrügen mit dem Schein, sondern auch in der Tiefe. Christlicher Glaube ist kulturelle Kompetenz mit dem Anspruch mitzugestalten, Akzente zu setzen und Inhalte und Formen neu zu bestimmen. Damit entwickelt der Glaube die Kraft, Gesellschaft zu gestalten, soweit die Beziehungsarbeit einer Gemeinde wirken kann.
Aber auch indem der Einzelne vor dem Hintergrund des Glaubens sein Leben anders wahrnimmt, versteht und gestaltet, haben wir Glauben weitergegeben. Nicht im Sinne eines vorgefertigten Produktes, nicht als Schatztruhe, die unverdienten Reichtum preisgibt, nicht als Fertiggericht zum Aufwärmen.
Um im Bild der Küche zu bleiben, dieser Glaube der Einzelnen ist damit zu vergleichen, dass jemand kochen kann: Aus den vorhandenen Zutaten des eigenen Lebens das beste und bekömmlichste Menu zuzubereiten, ... das dann auch anderen Menschen schmecken und gut tun soll. Glauben als persönliche Fähigkeit, Leben besser gelingen zu lassen, neu zu buchstabieren, was Leben heute heißt.
Und da persönliche Fähigkeiten und kulturelle Kompetenz an sich unsichtbar sind, sind auch „unsere Erfolge und Ergebnisse“ nicht einfach sichtbar, oder gar zählbar. Dennoch gibt’s es den Erfolg, hörbar, wenn Menschen erzählen, und erlebbar, wenn in einem Stadtteil Menschen miteinander leben statt nebeneinander.
Und deshalb gibt es keine wichtigere Aufgabe als diese: mit den Menschen an den Menschen zu arbeiten.
Michael Albrecht, im April 2009
Nach 5-jähriger Tätigkeit hat sich Michael Albrecht von der Apostelkirche verabschiedet, um am 1. September 1998 eine halbe Stelle als Pastoralreferent im Erzbischöflichen Jugendamt in Erlangen anzutreten, die er bis April 2005 innehatte. Seit 2000 ist er auch als „Geistlicher“ zuständig für die Pfadfinder im Dekanat. Ab April 2005 war er Strukturberater im Konsolidierungsprozess der Erzdiözese Bamberg, wo er die schwierige Aufgabe hatte, insgesamt 35 Pfarreien in den Dekanaten Bamberg, Burgebrach und Hirschaid bei der Umsetzung der angeordneten Sparbeschlüsse zu beraten.