Gleichzeitig mit Marcus Wolf bekam die Apostelgemeinde als Nachfolger von Michael Albrecht auch einen neuen Pastoralassistenten: Patrick Beirle. Er stammt aus Schnaitach und kam als 28-jähriger nach Büchenbach. Nach seinem Studium der Theologie in Bamberg und Zivildienst ging es nun auf dem Wege zum Pastoralreferenten in die Praxis, die für ihn am 1. September 1998 begann. Auch er ist der Bitte der Verfasser nachgekommen und steuert seinen Beitrag mit dem Titel „Seelsorger für die Menschen“ bei, in dem er sowohl seine Eindrücke und Erlebnisse in der Apostelkirche, als auch seinen eigenen weiteren Lebensweg schildert.
Fast 10 Jahre ist es nun her, dass ich meine Ausbildungszeit (1998-2001) in der Apostelgemeinde begonnen habe. In die Apostelkirche kam ich nach einem Gemeindepraktikum in der Schweiz, bei dem der Schwerpunkt auf der Vorbereitung auf die Firmung ab 18 lag, und einem Jahr Zivildienst auf einer Drogenentgiftungsstation in München-Haar.
Mit der Apostelkirche verbinde ich die gelebte Einheit von Glauben und Leben, die nicht so selbstverständlich ist. Für mich drückt sie sich schon in der Architektur des Gemeindezentrums/der Kirche und der Nachbargebäude aus. Sicht- und erlebbar wurde sie für mich beispielsweise in den an den Menschen orientierten Gottesdiensten mit ihrer Offenheit für Kinder, Menschen mit Behinderung, u. v. a.. Ein befreundeter evangelischer Pfarrer erzählte mir vor einigen Wochen, er erinnere sich noch sehr gut an meinen Prüfungsgottesdienst, da er dabei die in der Apostelkirche gängige Praxis, dass sich die Kinder zum „Vater unser“ um den Altar versammeln, kennenlernte. Diese habe er jetzt als Gemeindepfarrer in seiner Gemeinde eingeführt.
Wenn ich im Knast Gottesdienst feiere, dann ist die Einheit von Leben und Glauben in der Diaspora Brandenburgs noch viel weniger selbstverständlich gegeben. Für viele ist der Glaube nämlich mehr eine Frage als Realität. Nur einige der 25 %(!) Gottesdienstbesucher sind getauft, d. h., die meisten haben nur eine sehr geringe bis keine Erfahrung mit Glauben und christlicher Praxis.
Aber im Gottesdienstraum, ein heller Mehrzweckraum, in dem auch Betriebsversammlungen und Theateraufführungen stattfinden, gelingt es immer wieder, die Wirklichkeit unseres Lebens im Gottesdienst zu feiern.
Die vielfältige Nutzung des Raumes erinnert mich an das Gemeindezentrum der Apostelkirche, das ja auch für Versammlungen, Kabarettabende, den Gemeindefasching, die „normalen“ und die besonderen Gottesdienste wie an Gründonnerstag und viele weitere Veranstaltungen genutzt wird.
Seit ungefähr 20 Jahren weiß ich, dass ich für die Menschen da sein will, einfach weil sie mir am Herzen liegen. So wurde ich Pastoralreferent, mit dem Anliegen, Seelsorger zu sein für die Menschen.
In der Apostelgemeinde zählten zu meinen eigenverantwortlichen Aufgabenbereichen vor allem die Jugendarbeit (IKJA), das Zeltlager mit Vorbereitungswochenenden und Nachtreffen, der Religionsunterricht, der Offene Jugendtreff Ding Dong, die jährliche Firmvorbereitung, Ski- und Hike-Wochenenden, der Hauskreis, ...
Die Zeit war aufgrund der Ausbildungssituation geprägt von offiziellen Verpflichtungen wie den Fortbildungen, der Einarbeitung in den Religionsunterricht, diversen Reflexionsgesprächen und der Zweiten Dienstprüfung mit Gemeindeprojekt, Prüfungsgottesdienst, u. a. m.. Die Offenheit der Gemeinde hat es mir aber bei vielen Verpflichtungen erlaubt, eigene Akzente zu setzen, z. B. beim Gemeindeprojekt. Daran denke ich noch heute sehr gerne zurück.
Durch die kooperative Zusammenarbeit mit Engelbert Rauh als meinem Ausbildungsverantwortlichen sowie mit Pfarrer Guth habe ich mich als Pastoralassistent nie zweitrangig erlebt. Darüber bin ich wirklich froh.
Wenn ich an die Zeltlager denke, fallen mir sofort Bilder ein, von mit Menschen überfüllten Dixi-Häuschen, von Schlammschlachten, und von engagierten und begeisterten Jugendlichen.
Nicht unerwähnt möchte ich die unkomplizierte Ökumene bei Kinderbibeltagen und -wochen, Osternachtsfeiern und Fronleichnamsprozessionen lassen.
Und immer wieder gab es intensive Begegnungen mit Menschen auf der Suche und Menschen, die Lust haben, Gemeinde zu gestalten.
Durch eine Stelle in der Schulpastoral kam ich nach Berlin, in die Diaspora. (Dort bekam ich eher nebenbei noch vor Stellenantritt mit, dass wegen der hohen Verschuldung des Erzbistums ein Einstellungsstopp verhängt wurde, dem ich gerade noch zuvor gekommen war.) Gute fünf Jahre habe ich dort gewirkt in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern bei Orientierungstagen oder mit Lehrerinnen und Lehrern bei Fortbildungen oder Oasentagen. Die Erfahrungen in der Apostelkirche waren dafür sehr hilfreich!
Jetzt wohne ich zwar noch als Franke in Berlin, arbeite aber in zwei Gefängnissen im Land Brandenburg mit straffälligen Jugendlichen und Männern.
„Gefallen“ am Gefängnis habe ich schon während meines Studiums durch meine Mitarbeit im AK Knast der Studentengemeinden in Bamberg gefunden. Sechs Jahre habe ich dort zusammen mit Kommilitonen Freizeitgruppen in der JVA Ebrach für jugendliche Strafgefangene angeboten.
Meine inzwischen vielfältigen Erfahrungen als Ehrenamtlicher in der Gemeinde, als Theologe, als Zivi auf der Drogenentgiftungsstation, als Pastoralassistent in der Apostelgemeinde, als Religionslehrer, als Pastoralreferent in der Schulpastoral und als Gestalttherapeut fließen dort in meiner Arbeit als Seelsorger sehr gut zusammen.
Die diakonische Grundausrichtung unseres Christseins, die sich für mich in Mt 25, 35 ff. ausdrückt:
„ ... ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: ... Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
So fahre ich täglich sehr gerne zu „meinen“ Knackis und unterstütze sie in ihrer Lebenssituation.
Mit der Apostelgemeinde verbinden mich viele Erinnerungen an eine sehr intensive Zeit und Freunde, die zum Teil gar nicht mehr in Erlangen leben. Gelegentlich bekomme ich sogar noch etwas von den Beständigkeiten und Veränderungen der Apostelkirche mit. Mein Abschiedsgeschenk, ein Koffer, hat die Jahre gut überstanden. Er wird mich noch ein Stück weiter meinen Weg begleiten.
Ich wünsche der Apostelgemeinde alles Gute für ihren weiteren Weg als einer Gemeinde mit Raum für die konkreten Menschen in Büchenbach!
Ihr/Euer Patrick (Beirle), 07.05.2008
In seinem Beitrag hat Patrick Beirle die „Offenheit“ der Apostelgemeinde erwähnenswert gefunden. Es ist erfreulich, dass dieser Eindruck die Jahre überdauert hat, denn anlässlich seines Abschieds von der Gemeinde hat er in den IMPULSEN im Sommer 2001 u. a. Folgendes geschrieben:
Die Apostelgemeinde hat sich inzwischen von der Gründergemeinde zu einer eigenständigen Pfarrgemeinde entwickelt, und ist doch jung geblieben. Und bei aller Angleichung an andere Gemeinden hat sie ihren eigenen Charakter behalten, den es meines Erachtens zu wahren gilt. Dazu gehören Traditionen wie, sich kritisch auseinanderzusetzen und zu äußern, die eigene Form des Gottesdienstes am Gründonnerstag u. a. m.. Charakteristisch ist aber auch die Offenheit, die beispielsweise bei den Sonntagsgottesdiensten spürbar wird.
Patrick Beirle hat seine Tätigkeit bei der Apostelkirche offiziell Ende August 2001 beendet und hat anschließend die o. g. Stelle in Berlin angetreten.